Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
September 2025
Mate-Becher und -Löffel, ca. 1988
Größe | Becher: 11,2 x 8,8 x 8,8cm Löffel: 22,3 x 4 x 3 cm |
Material | Becher: Holz, Metall Löffel: Metall |
Schenkung | Edi Wysocki |
Historische Einordnung
1874 wandern der 25-jährige Landwirt Wilhelm Thielke, seine 22-jährige Frau Ernestine und ihre beiden Kleinkinder Friedrich und Bertha aus Preußen in die Region Rio Grande do Sul in Brasilien aus. Sie sind damit nicht die einzigen. Seit der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1822 bis zum Zweiten Weltkrieg ist Brasilien Einwanderungsland für 4,5 Millionen Menschen aus Europa. Nach Portugies:innen und Italiener:innen sind Deutsche in den 1870er Jahren die drittgrößte Einwanderungsgruppe Brasiliens. Die Thielkes lassen sich in Nova Petrópolis nieder, einer Siedlung, die 16 Jahre zuvor von Einwander:innen aus Pommern, Sachsen, Böhmen und dem Hunsrück gegründet wurde. Das Leben dort findet hauptsächlich auf Deutsch statt. Schon kurz nach der Ankunft in Brasilien stirbt Ernestine. Wilhelm Thielke heiratet erneut und bekommt mit seiner zweiten Frau Guilhermina Granke zehn weitere Kinder.
Kurzbiographie
1978, gut ein Jahrhundert später, steht ihre Urenkelin Edi Wysocki im deutschen Winter vor verschlossenen Haustüren. Sie ist 1948 in Panambi, Rio Grande do Sul, geboren und in einer deutschsprachigen Umgebung aufgewachsen. Edi ist es gewohnt, dass in der dortigen Nachbarschaft die Türen offenstehen und man prinzipiell willkommen ist. In Deutschland jedoch wird ihre Vorstellungsrunde in der Nachbarschaft offenbar als befremdlich wahrgenommen, hereingebeten wird sie nicht.
Vor ihrer Ankunft hatte Edi als Haushaltshilfe und Kindermädchen für ein Lehrerehepaar aus Bremerhaven gearbeitet, das in Panambi an der deutschen Schule unterrichtete. Als das Paar zurück nach Deutschland geht und Edi anbietet, weiter für sie zu arbeiten, ergreift die junge Frau gerne die Gelegenheit. Schon als Kind hatte sie Dias von Deutschland gesehen und sich gewünscht, das Land einmal besuchen zu können. Trotz der kulturellen Unterschiede lebt sich Edi ein. Nach drei Jahren, kurz bevor ihr Visum abläuft, lernt sie Horst Wysocki kennen. Die beiden machen Nägel mit Köpfen und heiraten nur weniger Monate später im Dezember 1981.
Edi kommt aus einer bäuerlichen Familie ohne große finanzielle Mittel. Auch ihr Mann ist nicht vermögend. Reisen nach Brasilien sind darum selten. Dennoch schaffen die beiden es über Jahre, das Geld für ein Haus in Panambi aufzubringen – dorthin wollen sie im Ruhestand aus- bzw. zurückwandern. Doch Horsts zunehmend schlechter werdende Gesundheit macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Sie beschließen, in Deutschland zu bleiben.
Bedeutung des Objekts
Edi Wysockis Familie hat über mehrere Generationen nach der Auswanderung nach Brasilien fast ausschließlich deutsch gesprochen, nicht portugiesisch. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht von der Lebensweise vor Ort geprägt wäre, zum Beispiel was das Alltagsgetränk Mate angeht.
Rio Grande do Sul gehört zu den traditionellen Mate-Anbaugebieten. Blätter des Mate-Strauchs werden kleingeschnitten, getrocknet, gemahlen und müssen einige Zeit ruhen, bevor sie mit heißem Wasser zubereitet werden können. In Brasilien heißt das so entstehende koffeinhaltige Getränk Chimarrão. Seinen Ursprung hat es in der indigenen Bevölkerung, die unter anderem auf dem heutigen Gebiet Brasiliens, Argentinien oder Paraguays lebt.
1988 bringen die Wysockis Becher und Löffel mit integriertem Strohhalm aus Brasilien nach Deutschland mit. Edi Wysocki beschreibt das Trinken als eine Gemeinschaftsaktivität: Der Becher wandert in einer Runde von einer Person zur nächsten. Es erinnert sie besonders an ihren Vater:
„Morgens früh hat mein Vater das getrunken. Wenn man aufgestanden ist, dann hat er sein Vieh gefüttert, seine Kühe und Schweine, und dann hat er gesessen und hat diesen Mate-Tee getrunken. Oder am Mittag, vorm Essen, wenn die vom Feld kamen, das war so ein Ritual, dann gab es vorher diesen grünen Mate-Tee.“
Den Vater sieht sie nur noch auf wenigen Reisen persönlich wieder. Alleine in Deutschland – ihrem Mann schmeckt der grüne Aufguss nicht - trinkt Edi Wysocki Mate-Tee nur noch selten.
Haben auch Sie …
… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0
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