Objekt des Monats

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

November 2021

Gesangsbuch "Geistliches Liederkästlein" aus dem Jahr 1912

Material

Papier

Maße

14,5 cm x 10,5 cm x 5 cm

Schenkung

Melitta Klein

Gesangsbuch-1-COPYRIGHT-Sammlung-Deutsches-Auswandererhaus

Gesangsbuch-2-COPYRIGHT-Sammlung-Deutsches-Auswandererhaus

Historische Einordnung

Am 29. November 1813 erließ der Kaiser von Russland Zar Alexander I. ein Manifest, mit dem den deutschen Siedlern in Bessarabien Privilegien versprochen wurden. Das Gebiet, das heute großtenteils zur Republik Moldau (Moldawien) zählt, wechselte nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1806-1812 den Besitzer. Das Russische Reich möchte die Steppen, in denen bis dahin türksprachigen Nomaden, Nogaier und Budschaktataren lebten, für den Ackerbau erschließen. Während die Nomaden fliehen oder ausgewiesen werden, lädt der Zar die deutsche Bevölkerung aus dem Wartheland im Herzogtum Warschau, in die Steppe ein, die ebenfalls zu seinem Reich gehörte. Den Kolonisten werden Landschenkung, zinsloser Kredit, Steuerfreiheit auf zehn Jahre, Selbstverwaltung, Religionsfreiheit und Freiheit vom Militärdienst versprochen. Schon im nächsten Jahr kommen ca. 9000 Siedler. Schon bald kommen auch Auswander:innen aus den südwestdeutschen Ländern nach Bessarabien.

Nach dem Zerfall des Russischen Reiches wird Bessarabien zum Teil des Königreichs Rumäniens. 1940 stellt die Sowjetunion Rumänien ein Ultimatum, nachdem Bessarabien kampflos übergeben wird. Davor reist fast die gesamte bessarabiendeutsche Bevölkerung  -- ca. 93 000 Menschen -- „Heim ins Reich“ als sogenannte „Vertragsumsiedler“. Sie werden in „Warthegau“ im besetzten Polen angesiedelt, von wo sie 1945 die Flucht antreten müssen.

Kurzbiographie Melitta Klein

Melitta Klein, geboren Kehrer, kam am 27. Dezember 1928 im Dorf Marienfeld im heutigen Moldawien, in eine ursprünglich aus Wittenberg stammende Familie.  Ihre Eltern gehörten zu den Gründern der Tochterkolonie. Im Herbst 1940 verließ sie Rumänien als Vertragsumsiedlerin, im April 1945 floh sie ohne Familie von der Halbinsel Hela in das von der Wehrmacht besetzte Dänemark. Die Repatriierung der deutschen Flüchtlinge aus Dänemark  dauerte bis 1949 an.

Bedeutung des Objekts

Religionsfreiheit war ein wichtiges Motiv für protestantische Deutsche, die das von polnisch-katholischer Bevölkerung dominierte Herzogtum Warschau verließen. Religiöse Identität bewahrte ihre Bedeutung für die Gruppe bis zur Umsiedlung. Das Kirchenliederbuch „Geistliches Liederkästlein zum Lobe Gottes, aus zweimal 366 Oden über ebenso viele Bibelsprüche, Kindern Gottes zum Dienst aufgesetzet “ wurde vom Pfarrer Philipp Friedrich Hiller (1699-1769), einem Vertreter des württembergischen Pietismus, im Jahr 1762 verfasst. Dieses Exemplar wurde 1912 in Tarutino gedruckt und begleitete die Familie im Russischen Reich, im Königreich Rumänien, im Deutschen Reich und schließlich in der Bundesrepublik.

Haben auch Sie …

… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: [email protected]

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