"Ankommen.
Ein Gespräch zwischen Generationen"

Ferienworkshop und Online-Event: Im Dialog über das deutsch-türkische Anwerbeabkommen 1961

Zum 60. Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommen hat das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven einen ganz besonderen Rahmen für Jugendliche geschaffen, um Fragen zur Migrationsgesellschaft Deutschland früher und heute zu stellen und über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken. Fünf Tage konnten sie lernen, diskutieren und kreativ gestalten. Zum Abschluss gab es – durch eine Kooperation mit dem „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.“ (DOMiD) aus Köln – die Möglichkeit Zeitzeug:innen* ganz persönlich, live und im Stream zu befragen. 

Trotz Coronaauflagen und waren sie im Deutschen Auswandererhaus  Bremerhaven bis zum letzten Tag begeistert dabei:  die 13- bis 16- Jährigen aus verschiedenen Jugendprojekten, die seit dem 25. Oktober an dem fünftägigen Ferienworkshop teilgenommen haben. Zusammen mit Astrid Bormann, Museumspädagogin im Deutschen Auswandererhaus, verbrachten sie täglich ein paar Stunden ihrer Schulferien mit Themen wie Fremd-Sein und Ankommen und beleuchteten sie auf unterschiedliche Art und Weise: kreativ, mit Geschichten und Objekten aus der Museumssammlung und natürlich durch die persönlichen Erfahrungen der Teenager selbst. Was bedeutet Fremd-Sein? Wie fühlt sich Ankommen an - in der neuen Schule, im neuen Alltag, in einem neuen Land?  Ein ausführliches, aufwändig gemeinsam gestaltetes Poster zeugt nun von den gewachsenen Ideen und Erfahrungen. Und auch ein eigener Podcast wurde im museumseigenen Tonstudio, dem „Studio Migration“, zum Klingen gebracht.

Workshop-Oktober-2021-COPYRIGHT-Deutsches-Auswandererhaus_-Foto-Magdalena-Gerwien

Im "Studio Migration" Ideen diskutieren, Gedanken vertonen, hörbar werden.

Der Hintergrund des Workshops ist das Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens vom 30. Oktober 1961, das wie Abkommen mit Italien, Marokko oder dem damaligen Jugoslawien bis 1973 viele tausend Menschen nach Deutschland führte. Auch nach Bremen und Bremerhaven kamen in den 1950ern, 60ern und frühen 70ern viele, die selbst oder deren Familienmitglieder Arbeit und manchmal ein neues Zuhause fanden. Für die Schüler: innen ist es bis heute ein alltagsnahes Thema, aus ganz verschiedenen Perspektiven. Astrid Bormann freut sich über das Interesse: „Jugendliche wachsen heute in einem ganz anderen Land auf als die Generation ihrer Eltern, ihrer Großeltern oder Urgroßeltern. Wie sie diese ‚postmigrantische Gesellschaft‘ erleben, weiß dabei niemand besser als sie selbst. Es ist spannend mit ihnen zusammen über Ereignisse wie das Anwerbeabkommen nachzudenken, das die Migrationsgesellschaft in Deutschland mitgeformt hat und darüber zu grübeln, was sich damals anders angefühlt hat als heute und was das Anwerbeabkommen 2021 noch für unser Zusammenleben in der Bundesrepublik bedeutet.“ Bei der Diskussion entstand ein reger Fragenkatalog, bei dem auch über das eigenen Geschlecht und die Identität, Chancen, Hindernisse und Diskriminierung nachgedacht wurde. 

Zum Abschluss der fünf Tage, die im Kontext der Bremer und Bremerhavener Integrationswoche 2021 – im „Herbst der Vielfalt“ - stattfanden, stand am Freitag noch ein besonderer Termin an: In Kooperation mit dem „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.“ (DOMiD) aus Köln entstand ein Online-Event, an dem neben den Jugendlichen des Workshops auch Interessierte jeden Alters teilhaben konnten. Im Stream begegneten sich norddeutsche Teenager und drei Kölner Zeitzeug:innen*. Zwischen Weser und Rhein entstand ein reger Austausch zwischen Fatima und Lily, den designierten Sprecherinnen der Jugendlichen, den Fragenden aus dem Chat sowie den drei Berichtenden.  Vom Künstler, der seine Erlebnisse in Rapmusik verarbeitete, über die Tochter sizilianischer Eltern, die als Kind in eine fremde Welt kam, bis zum Mitarbeiter bei den Fordwerken wurden dabei ganz unterschiedliche Erfahrungswelten geschildert und über Zuhause und Fremdheit, Rassismuserfahrungen und neu erkämpfte Chancen, Gerechtigkeit und Mitbestimmung debattiert. Moderiert wurde der Stream von der freien Journalistin Elif Şenel, die selbst von türkischen Eltern abstammt und unter anderem im WDR zu hören ist.

*Die Zeitzeug:innen
Mitat Özdemir
kam 1966 als Ford-Arbeiter nach Köln und war später als Sozialbetreuer und Ingenieur tätig. Ab 1983 machte er sich als Geschäftsmann auf der Kölner Keupstraße selbständig und saß viele Jahre der IG Keupstraße vor. Er engagiert sich seit vielen Jahren für eine Aufklärung des NSU-Komplex und eine offene Gesellschaft.
Rosa Spitaleri kam Ende der 1960er Jahre als Achtjährige aus Sizilien nach Köln. Ihre Eltern waren 1964 vorausgegangen und hatten Rosa und ihren Bruder Vincenzo bei Verwandten zurückgelassen. Schließlich wollten sie nur wenige Jahre in Deutschland bleiben, Geld verdienen und dann nach Sizilien zurückkehren. Doch sie blieben, und Rosa und Vincenzo absolvierten ihr Studium in Deutschland. Heute arbeitet sie als Sozialarbeiterin bei der Caritas, liest gerne und schreibt Gedichte.
Kutlu Yurtseven ist in Köln geboren, seine Eltern kamen in den 1960er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Seit den 90er-Jahren ist er Rapper bei der Kölner Gruppe Microphone Mafia, aber auch: Lehrer, Sozialarbeiter, Laienschauspieler am Schauspiel Köln. Außerdem ist er Erinnerungsarbeiter: er absolvierte hunderte Konzerte mit der Auschwitz-Überlebenden und Sängerin Esther Bejerano (2021 verstorben). Kutlu engagiert sich im Tribunal "NSU-Komplex auflösen" und der Initiative Herkesin Meydanı — Platz für Alle, die sich für ein antirassistisches Mahnmal an der Keupstraße in Köln einsetzt zum Gedenken an die NSU-Anschläge in Köln.